Karibik
Trinidad – die etwas andere Karibikinsel

Wie ein ungeschliffener Diamant: Trinidad bietet üppige Natur und bunte Kultur, vielfarbiges Grün, pittoreske Hindutempel, einsame Strände, kleine Shops – eine Öko-Rundreise.
 
   
Die Insel ist touristisch kaum bekannt, doch bietet sie viel mehr als Sandstrand
und blauen Himmel. Regenwald und wilde Buchten machen den Reiz aus.




Von Katrin Hafner

Es sei das lächerlichste Eiland, das je das Meer zierte, schrieb der auf Trinidad
geborene Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul. Es sei die spannendste
Insel der Karibik, sagt Simone Bucher. Seit zehn Jahren lebt die 33-jährige
Schweizerin auf Trinidad, und seit kurzem bietet sie eine neuartige Eco-
Tourism-Rundreise an – auf Schweizerdeutsch oder Französisch.

a

Als klein und eng empfand der indischstämmige Naipaul seine Insel,
als wild und vielfältig erlebt sie Simone.
Auf der Basis von ökologischem und sozialem Tourismus stellt sie Reisenden die touristisch verschont gebliebene
Karibikinsel vor.

Tierstimmen im Surround System

In Kleingruppen führt die Ethnologin Wanderungen durch ungezähmte Natur; ein Drittel des Geldes geht an die lokale Bevölkerung. Etwa im Agro-Tourism-Center im Norden Trinidads: Das Zentrum schult Bauern aus dem Dorf und belebt so die Landwirtschaft, die im Schatten von Öl- und Gasindustrie steht. Landwirtschaft schafft Arbeitsplätze, und Selbstversorgung bringt den Trinidadern, von denen 12 Prozent von 1.60 Franken pro Tag leben müssen, minimale Unabhängigkeit. Das Zentrum ist ein Begegnungsort: Gäste können in schlichten Zimmern übernachten.

Ums Haus wuchern Bananenstauden, Palmen und tropische Pflanzen, in Sichtweite stehen bunt gestrichene Holzhäuser auf Stelzen. 28 Grad warm ist es tags, wenig kühler nachts; Trinidad ist die südlichste Karibikinsel. Dass eine Fledermaus aus dem Badezimmer flattert und die Dusche nur tröpfelt, wenn draussen jemand Gemüse wässert, stört nicht – das hier ist keine All-inclusive-Anlage mit Aircondition, Swimmingpool, Animation, hoteleigenem Strand und internationalem Buffet. Hier kocht eine Trinidaderin lokale Gerichte, das Gemüse eigens angebaut. Und Unterhaltung bietet die Natur, der Alltag.

In der Nacht ein Regenkonzert: Es prasselt, rauscht und trommelt auf Wellblechdächer und Pflanzen. Tropische Schauer. Später blickt die milchige Sonne zwischen Palmenköpfen auf Trinidad, schlendert ein schwarzer Junge barfuss am Haus vorbei, in der Hand einen Plastikeimer, gefüllt mit Wasser. Zwei Hühner gackern ihm entgegen, ein Hund bellt in der Ferne. Und sonst: tausendfaches Gezirpe und Gesurre. Tierstimmen im Super Surround System. Als Hintergrundgeräusch das Rauschen des Karibischen und des Atlantischen Meeres; einige Hundert Meter entfernt vom Agrozentrum vermengen sie sich in wilden Wirbeln zu einem riesigen Blau.

Wilde Bucht mit einsamem Strand

Die Karibik lebt vom Tourismus; seit dem Tsunami buchen viele Reisende um und fliegen in entgegengesetzte Himmelsrichtung. Trinidad und Tobago, der Inselstaat vor der Küste Venezuelas, gehört nicht zu den meistbesuchten Zielen. Die grössere Insel, Trinidad, hat seit dem 18. Jahrhundert als Zuckerrohr- und Kakaoplantage funktioniert. Heute exportiert sie Öl, Gas und Teer. Die Reiseindustrie spielt eine marginale Rolle - dabei besteht ein grosses Potenzial; und niemand weiss, wie lange die natürlichen Ressourcen reichen. Wo es noch kaum Besucher gibt, kann man sanften Tourismus einführen. Dies tut Simone Bucher. Sie lässt ihre Gäste von lokalen Führern begleiten und verlinkt so verschiedenste Menschen und Kulturen.

Auf der Wanderung zu Cumanas einsamem Sandstrand erklärt der tiefschwarze Greg auf Trini-Englisch, dass der handgrosse Schmetterling Blue Emperor heisst. Greg ist im Dorf geboren. In der Freizeit jagt er Agutis, Nagetiere, auf der Tour zeigt er Mango- und Papayabäume. Nach zwei Stunden durch Wald und Palmensteppen tut sich eine wilde Bucht auf. Kein Mensch – aber auch keine Bar oder Dusche weit und breit. Baden solo am Karibikstrand. Die einzigen Zuschauer sind drei Pelikane, die auf dem Felsen im Meer herumstelzen, und Greg. Seine Goldzähne funkeln in der Sonne. Er wolle nicht baden, das Salz jucke ihn, lieber gehe er in den Fluss, sagt er. Tatsächlich sieht man auf der Fahrt durchs Inselinnere Einheimische in Flüssen – dunkelhäutige Leute, deren Lachen so laut ist wie sonst nirgends auf der Welt. 40 Prozent der Trinidader stammen von Indern ab, der Rest sind Schwarze, Asiaten oder Nachkommen der Ureinwohner sowie französischer, spanischer und englischer Kolonialisten, die herzogen, nachdem Kolumbus die Insel 1498 entdeckt hatte.

Urwaldwasserfall und Lockenwickler

Simone Bucher stapft durch den Regenwald, hackt mit dem Messer stechende Pflanzen aus dem Weg, geht voran durch das tropfende, dampfende Grün. Blätter und Halme streicheln die Haut, das Atmen fällt in der Feuchtigkeit schwer. Kreischende Papageien und Kolibris flattern zwischen den hohen Stämmen – in der Sprache der Ureinwohner nennt sich Trinidad «Land des Kolibris». Schuhe und Hosen werden dreckig und nass, Simone führt durch hüfttiefe Flüsse. Blüten segeln im Gegenlicht auf das glasklare Wasser, Tropfen funkeln auf den Pflanzen. Und dann tosts und schäumts und lockts zum Bade: ein Wasserfall mitten im Urwald.

Von solch einzigartigen Orten in der Region berichtet Radio Toco. Und vom Alltag im Dorf. Simone Bucher führt ihre Reisenden ins Radio und lässt sie live von ihren Eindrücken erzählen. Letztes Jahr zeichnete die Unesco das Studio als weltweit bestes Radio in einem Entwicklungsland aus. Das Diplom hängt schief an der mit Spannteppich ausgekleideten Wand.

Vor dem kleinen Shop beim Studio steht ein Pickup, beladen mit Carib-Bier-Harassen und «ice-cold nuts», kalten Kokosnüssen. Im Laden sitzt ein Mädchen mit hellblauen Lockenwicklern auf einem verrosteten Barhocker unter dem Ventilator. Es verkauft Getränke und einfache Snacks. Selbst eine Packung mit CD-Rohlingen steht im Gestell. Dafür hat es kein Wechselgeld; also gibts drei Bonbons statt Münz. Uniformierte Schulkinder strömen vor dem Lokal vorbei; die Schule ist aus. Nun hats mehr Hühner als Menschen zwischen den Schulgebäuden. Seit acht Jahren führt Lehrerin Nemmé McSweeney ein kleines Volksmuseum im hintersten Trakt. In Konfi-Gläsern eingelegte Schlangen und dichte Informationen bietet sie Besuchern.

Liming: Die Kunst, einfach da zu sein

Reisen auf Trinidad ist nicht bequem: Der öffentliche Verkehr funktioniert schlecht, die Strassen sind voller Schlaglöcher. Es lohnt sich, an einer organisierten Rundreise teilzunehmen und auch die städtischeren Seiten der Insel zu entdecken: die Siedlungen im Süden etwa. Farbige Fahnen flackern im Wind - Zeichen, dass hier Hindus leben. Auch Tempel gibt es. Der bescheidene Waterloo-Tempel ist aufs Meer gebaut. Am Horizont die bewaldeten Berge Trinidads und an deren Fuss Port of Spain, die Hauptstadt. Sie gilt als gefährlich und hässlich. Ist sie aber nicht, vorausgesetzt, man sieht im Alltäglichen das Schöne, etwa das Gewusel von Fruchtständen, Bücher-, Kleider- und Schmuckgeschäften an der Charlotte Street.

Und überall wartende, schwatzende, lachende Menschen. Menschen, die im Park unter einer Palme sitzen, vor dem Hauseingang beieinander stehen, im Auto mit dem Trinidad Guardian auf dem Gesicht ein Nickerchen nehmen, auf Plastikstühlen die Welt beobachten. «Liming» nennen die Einheimischen das: Zeit vergehen lassen, ohne etwas zu tun und ohne schlechtes Gewissen. Davon können wir alle lernen. [TA | 02.03.2005]

Kleine grosse Schwester: Tobago
Sie dienten als Bacardi-Werbung und für die Robinson-Crusoe-Verfilmung: Tobagos Strände. Pigeon Point ist der bekannteste unter ihnen. Täglich fahren Boote zu Korallenriffs und lassen die Passagiere im türkisfarbigen Wasser schnorcheln. Die Tobagoner leben vom Tourismus. Im Südwesten der Insel (41 km lang, 12 km breit) reihen sich Ferienresorts an einfache Gästehäuser. Doch der Ort ist unverschandelt; es gilt die Regel: kein Haus höher als eine Palme. Und von denen gibts Tausende. Zudem Farne, Papyrus und andere Exotenpflanzen – Tobago und Schwester Trinidad sind die grünsten Inseln der Karibik.

Ziegenfarm gegen all-inclusive
Tobago ist ein klassisches Badeziel. Und bietet mehr: Der Regenwald ist seit 240 Jahren geschützt und gilt als ältestes Naturschutzgebiet der westlichen Hemisphäre. 2003 erhielt Tobago den World Travel Award als beste Öko-Destination; «Welcome to Eco Paradise Tobago» steht denn auch bereits am Flughafen. Zur vertieften Auseinandersetzung mit der Natur reicht es aber auf den halbtägigen Gruppentrips durch den Regenwald kaum: zwei Stunden auf gepfadeten Wegen – fertig ist die Öko-Reise.
Alternativen gibts. Zum Beispiel bei Josefa Patience: Die Deutsche sagt, sie finde für ihre Ziegenfarm keine einheimischen Helfer, weil die Leute im Tourismus einfacher und schneller Geld verdienten als in der Landwirtschaft. Nun bietet sie ihr Apartment gegen Mithilfe im Openair-Stall als Unterkunft für ausländische Gäste an; eine Art Agro-Tourismus. Die Milchprodukte verkauft sie an Gästehäuser auf der Insel. Damit kämpft sie gegen den sich verbreitenden All-inclusive-Tourismus mit meist billigen Importgütern. (kat)

Tipps & Infos Trinidad und Tobago
Die Inseln, ehemals brit. Kolonien, seit 1962 unabh., haben 1,3 Mio Einw. Sie waren einst mit Südamerika verbunden, bieten die reichste Flora und Fauna der Karibik, schöne Strände. Kombination: Öko-Trips auf Trinidad, Badeferien auf Tobago. Anreise z. B. mit KLM/Martinair via Amsterdam nach Tobago (ca. 1300 Fr.), weiter mit Flugzeug od. Schiff nach Trinidad. Infos: Trinidad & Tobago Tourist Office (D), Tel. 0049 61 31 73 337.

Trinidad
Öko-Rundreise: 4 Nächte in einf. Guesthouses. Tour (dt., franz. od. engl.) u. a. mit Bootsfahrt durch Mangroven, Wanderungen (Naturschutzgebiete, Regenwald, Strand), Museums- und Radiobesuch. Ab 1090 Fr./Pers. im DZ. Infos: Caribtours, Zürich, Tel. 044 466 56 56.
Unterkunft Port of Spain: Carnettas Inn, sympath. Gästehaus, DZ ab 130 Fr., (www.carnettasinn.com); Crowne Plaza, 4 Sterne, mit Drehrestaurant, DZ ab 360 Fr.(www.crowneplaza.co.tt).
Essen Port of Spain: Gute Restaurants: Ariapita Av. Bestes ind. Roti der Stadt: The Hott Shoppe, 52, Maraval Road.
Sehenswert (auch in Rundreise): Savannah Park, Nationalmuseum (Port of Spain), weltgrösster Teersee, ind. Tempel, Vögel (Asa Wright Nature Center).

Tobago
Unterkunft/Essen in Crown Point: Edel: Coco Reef, DZ ab 370 Fr. (www.cocoreef.com). Charmant: Kariwak Village, DZ ab 170 Fr. (www.kariwak.co.tt).
Agro-Tourismus: Halbtagsarbeit auf Josis Ziegenfarm, dafür freies Logis: www.goatdairy-tobago.com.
Insel-Touren: Marion Robley: Offroad-Touren (dt.), freshtours@hotmail.com. Harris McDonald: Regenwald (engl.), www.harris-jungle-tours.com. Bootstouren tägl. 13.30 Uhr ab Store Bay.